Monte Grona

„Schöne, abwechslungsreiche, familienfreundliche Tour auf einen Gipfel mit Rundum-Aussicht. Verlässliche Einkehrmöglichkeit ins bekannte Rifugio Menaggio.“

Diese Tour sollte unsere erste Annäherung an die Bergwelt des Comer Sees sein. Mit 1730m Höhe klang die Ankündigung des Reiseführers nicht nach einer allzu großen Anstrengung. Trotzdem gehen wir die Bergwanderung nicht blauäugig an, sondern sind mit Bergschuhen gut gerüstet und wollen den sommerlichen Temperaturen, es hat hier am See durchgehend 29°C, durch einen frühen Aufstieg entgehen.

Die Wanderzeit ist mit 2h für den Aufstieg angegeben. Um vor der Mittagsonne am Gipfel zu sein, wollen wir also gegen 8:30 Uhr los. Mit reichlich Reserve, wie wir denken.

Leichter Regen empfängt uns, als wir nahezu pünktlich am Ausgangsort losmarschieren. Die Sicht lässt kaum eine Unterscheidung von See, Bergen und Horizont zu. Wir sind bei der Anfahrt durch die Wolkendecke gestossen und befinden uns auf ca. 900m Höhe.

Gleich von Beginn an geht es zügig aufwärts. Unser Parkplatz ist etwas unterhalb dessen, den der Wanderführer gemeint, aber nicht exakt beschrieben hatte. Wir fühlen mit dem Auto, das auf der schlecht befestigten Strasse und den engen Serpentinen schon Mühe hatte und vor uns auf leicht erhöhte Betriebstemperatur kommt.(Beim nächsten Autokauf ziehe ich einen 4-Rad-Antrieb in Erwägung. Diese Überlegung kommt mir seit dem ersten Schwedenurlaub regelmäßig.) Wir kommen also nach ca. 15min an den eigentlich vorgesehenen Ausgangspunkt. Der Regen hat nachgelassen, die Regenjacken werden ausgezogen, sie sind von innen bereits stärker nass, als von außen. Der Weg ist gut ausgeschildert, wir sollten nach Überzeugung der Wegweiser nach 1h die Jause „Refugio Menaggio“ erreichen.

Als wir dort ankommen, haben wir rund 1,5h benötigt. Die Aussicht ist in der Tat beeindruckend. Es hat ein wenig aufgeklart, es ist noch dunstig. Der östliche Arm des Comer Sees ist in der gesamten Länge bis nach Lecco zu sehen, im Norden reicht die Sicht bis nach Dervio. Hinter uns das zu erklimmende Bergmassiv.

Die Hütte ist bewirtschaftet, d.h. es gibt ein paar einfache Speisen und frisches Wasser aus dem Brunnen. Aber wir wollen die Wanderung nach einer kurzen Verschnaufpause fortsetzen. Um genau zu sein, erfordert es etwas Überzeugungskunst die Mitwanderer davon zu überzeugen, dass wir die Wanderung fortzusetzen wollen.

Nun haben wir die Wahl zwischen drei Varianten. „Ferrata“ für die Erfahrenen scheidet sofort aus, bleiben „dirette“ oder „normale“ für Bergwanderer wie uns. Der Berg- und Wanderführer empfiehlt beide, je einen für Auf- und Abstieg. Wir nehmen „normale“, der etwas längere von beiden. In 1h 10min sollen wir planmäßig das Gipfelkreuz erblickt haben. Dass es anders kommen wird, ahnen wir recht schnell. Wir haben auf einer Entfernung von 600m Luftlinie ca. 350 Höhenmeter zu bewältigen. Das ist kein Spaziergang, sondern bei jedem Schritt eine spürbare Anstrengung. Der Weg wird felsiger und schmaler. Luise benötigt immer öfter eine stützende Hand. Nach unten sehen macht schwindelig. Familienfreundlichkeit sieht anders aus.

Wir erreichen nach einer weiteren Stunde erstmals eine größere Wiese auf der man sich sicher fühlen kann, nicht abzurutschen und etwas trinken und ausruhen kann. Meine Mitstreiterinnen geben auf. Ich kann ihnen nicht widersprechen, auch wenn wir dadurch gezwungen sind, den selben Abstieg zu wählen. Trotzdem: wir befinden uns auf 1600m, dem Ziel so nahe, möchte ich jetzt nicht aufgeben. Ich ziehe alleine weiter.

Schnell wird klar, dass die Tour nochmals anzieht. Die Sonne tut ihr übriges und verdrängt die Wolken endgültig. Es wird heiß. Der Weg wird schwieriger, schmaler, steiler, ich komme außerdem vom Weg ab. Sehe irgendwann meinen Fehler, weil die Markierung auf meiner Spur fehlt, dafür aber auf einem weiter unten parallel verlaufenden Weg wieder auftaucht. Laut Karte führen die Wege wieder zusammen. Davon können diese aber nichts wissen. Ich freue mich zunächst über die gewonnene Höhe, merke dann, dass ich auf einen anderen Gipfel zusteuere. Der Abstieg erscheint mir jetzt aber zu riskant und anstrengend. Kurz danach stehe ich auf einem Berggrat. Links und rechts ist ein bißchen weniger Platz für einen Fehltritt, als ich mir das gewünscht hätte, hätte mich jemand vorher gefragt. Auf allen Vieren mache ich schnell ein Foto für die Nachwelt. Dann „Augen zu und durch“, na gut, zumindest „und durch“, laufe den Grat entlang und sehe bald den eigentlichen Weg wieder, auf dem ich dann zum Gipfel gelange. Ich schieße ein paar Fotos zum Beweis, mehr für mich selbst. Sonst könnte ich mir das später selbst nicht glauben.

Der Blick ist wirklich überwältigend. Von hier oben sind sowohl der Comer See als auch der Luganer See zu sehen. Und noch so ein Kleiner, aber der zählt grade nicht.

Panorama Comer See und Luganer See

So recht geniessen kann ich den Blick nicht, Wolken dunkleren Typs sind in nicht allzu weiter Entfernung zu sehen und die zurückgebliebenen Frauen warten ohne Schatten in der Sonne. Also wieder abwärts. Auf dem „Via normale“ verläuft alles normal. Vielleicht habe ich mittlerweile auch nur genug Adrenalin im Blut.

Der Abstieg zuerst zu Frau und Kind und dann zur Hütte geht gut voran, erfordert aber höchste Konzentration und starke Kniee, weil das Geröll auf den Wegen schnell ins Rutschen gerät.

In der Hütte gibt es eine Stärkung. Die Portion Pasta ist ein wenig klein und dem vorangegangenen Kalorienverbrauch nicht angemessen. Die Polenta besticht durch einen delikaten Käse hat aber ansonsten gewürztechnisch gesehen Luft nach oben.

Polenta

Nach einem Kaffee in Espressotassen sind wir immerhin gestärkt für den letzten, unspektakulär verlaufenden Teil des Abstiegs. Am Auto angekommen, wird die aktuelle Uhrzeit mit 15 Uhr angeben. Mit Verwunderung und Ratlosigkeit wird die Bewertung der Tour in Gedanken durchgegangen. Ich möchte die Familie kennenlernen, die diese Tour in einer Zeit von 2 Stunden hin und 1,5 Stunden zurück unternimmt.Dann gibt es Pasta satt für alle.