Sizilianische Hochzeit

Über den Junggesellenabschied habe ich schon ein bisschen was geschrieben. Was haben wir noch über andere Sitten und Bräuche gelernt?
Der Hochzeitstisch steht bei der Familie der Braut im Wohnzimmer und wartet auf seine Besichtigung durch Verwandte und Bekannte und Freunden von Verwandten und Bekannten. Dort werden also vorab die Geschenke abgegeben, ausgestellt und begutachtet. In früheren Zeiten war außerdem noch eine Wäscheleine gespannt, auf der sich das Bargeld reihte. Heutzutage gibt es Girokonten, die sind diskreter und haben mehr Platz für unerwartete Großspenden.
Die Bescherung vorweg zu nehmen hat eindeutig den Vorteil, dass es bei der Hochzeitsfeier nicht mehr um die Finanzen und die gespielte Freude über unbrauchbare Geschenke geht.

Das Schlafzimmer der künftigen Eheleute steht ebenfalls zur Besichtigung und Bewunderung offen. Die Besichtigung habe ich allerdings verpasst, als ich meine neuen Schuhe auf traditionelle Art im Mittelmeer eingeweiht habe.

Die Trauung selbst wird in der Kirche vollzogen. Zuerst trifft der Mann ein sowie alle geladenen Gäste. Die Braut kommt, so will es der Brauch, mit deutlicher Verspätung. Früher konnte das durchaus zum Geduldsspiel werden. Nicht nur für den Bräutigam, dem wohl klar gemacht werden sollte, seiner Sache nicht so sicher zu sein, sondern auch für den Priester, der vermutlich einmal zu oft seine abendlichen Verabredungen verschieben musste. Daraufhin wurde die Sache ein wenig zielorientierter angegangen, mit der Absicht, die Verspätung quasi nur noch anzudeuten. Zur Erinnerung, wir sprechen von sizilianischen Verhältnissen, es geht also nicht um Sekunden.
Absolut professionell und state of the art ist die Vorbereitung und Durchführung der medialen Aufzeichnung. Wie überall gilt auch hier, wer nicht auf Fotos oder dem Video zu sehen ist, kann sich nicht sicher sein, dabei gewesen zu sein.
In unserem Fall hatte es ein klein wenig den Anschein, die Kirche und der Priester würde nicht ganz ins Konzept passen, aber das haben die Fotografen professionell ignoriert.
Kommen wir zu den Hauptpersonen, den Gästen. Die Vorbereitungen der Frauen laufen bestimmt nicht erst am Hochzeitstag an, aber dann ist ein mehrstündiger Friseurtermin Pflicht, von dem ich Kenntnis erhalten habe. Dass dort nicht nur die Haare auf den neuesten Stand gebracht werden, ist zu vermuten. Als Mann kann der Besuch beim Barbier als vergleichbare Alternative betrachtet werden.
Sehen und gesehen werden, ist die Devise. Modisch bewegt man sich in Italien auf der Höhe der Zeit, Spektakuläres hebt man sich aber wohl doch für andere Gelegenheiten auf.
Nachdem der Priester einige, selbst für mich in weitestgehender Unkenntnis der italienischen Sprache verständliche aber wenig überraschende Worte an das Brautpaar gerichtet hat, es geht im wesentlichen um Würde, gegenseitigen Respekt, die Familie im speziellen und allgemeinen, wird die Ehe noch in der Kirche standesamtlich geschlossen. So viel zum Laizismus.

Die Predigt wird von kurzem Gesang unterbrochen. Spätestens hier muss die Sitzordnung erwähnt werden. Ein kleiner, aber geschickter Kniff. Die linke Hälfte der Kirchenbänke wird für die Angehörigen und Freunde der Braut reserviert. Die rechte entsprechend für diejenigen des Bräutigams. So kann rein optisch schon mal eine klare Abgrenzung stattfinden. Weiterhin zeigt sich dann bei Textsicherheit und Tonalität der regelmäßige Kirchgänger.
Schwächelt eine Hälfte bei der Gesangeinlage ist die kirchliche Hochzeit vielleicht doch kein reines Glaubensbekenntnis?
Aber auch das ist kein lokal begrenztes Phänomen, wie man insgesamt zusammenfassen muss: entweder gibt es die Tradition der sizilianischen Hochzeit so nicht mehr oder, und das schließt sich nicht aus, ist die Hochzeit einfach heutzutage in der Globalisierung angekommen.

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